Spaziergang in der Innenstadt


Das Kennenlernen von Gyõr beginnt man am besten auf dem Kalvarienberg. Das heuteige Bild der Stadtmitte ist das Ergebnis einer kontinuierlichen Entwicklung von zweieinhalb Jahrtauenden: die malerische Anordnung der Häuser, die Verbaulinie der Gassen und Plätze, die scheinbare Unregelmessigkeit des Ensembles sind bei weitem keine Zufälle. Heute finden wir einen unregelmässigen Durchgang, die zickzackförmig auf die Hügel kletternden Stiegen, die eine interessante Linienführung zeigenden Zäune und Tore überraschend und merkwürdig. Jede Ecke des Kapitelberges hat ihre eigene Ursache und Geschichte- höchstens kennen wir die Erklärung nicht immer und nicht von allen. Hinter der schräg verlaufenden nordöstlichen Häuserreihe der Dr.- Kovács- Pál-Gasse stecken zum Beispiel das römische Stadttor und die Burgmauer; die weiteren Teile der inneren Burgmauer wurden vermutlich später ausgebaut, und öfters auch umgebaut. Die innere Burg wurde von einer halbrunden, basteiartigen Reihe geschützt; von diesen Basteien können in den Höfen der Häuser immer mehr freigelegt werden ( Király u. 5., 7. ). Auf dem höchstgelegenen Punkt steht der Dom: eine seiner halbrundförmigen Grundriss aufweisenden Apsiden stammt noch aus dem 12. Jahrhundert, und zeigt romanischen Stil. Die bedeutende Kirche wurde in der Zeit der Gotik zum ersten Mal umgebaut; die Héderváry- Kapelle ist das Ergebnis einer Erweiterung im 14. - 15. Jahrhundert. In ihrer Sanktuarium wird die aus dem 14. Jahrhundert stammende, aus vergoldetem Silber gefertigte, drahtemailgezierte Herme von St. Ladislus aufbewahrt. Das Kirchenschiff wurde im 17. Jahrhundert im Stil des Barockes umgebaut; die feingezeichnete Hauptfassade stammt vom Anfang des 19. Jahrhunderts.

Neben dem Dom fand man unlängst die Fundamente der ehemaligen Stadtpfarrkirche. Das Gebäude mit kleinen Abmessungen, einem Schiff und halbrundem Abschluss dürfte schon im 12. Jahrhundert funktioniert haben. Über dem Eingang der Bischofsburg hält ein mit Sgraffito verzierter Altturm aus der frühen Renaissance Wache. Auf den hinteren Garten geht die mächtige, spätgotische Fensterreihe des einstigen bischöflichen Speisesaales. Die grosse Spalte wurde vor Jahrhunderten, nach einem Erdbeben vermauert. Die Abmessungen und dioe Reichheit der Quadersteinprofile lassen ahnen, dass der Ausbau der Bischofsburg eint dem Niveau der bedeutestenden Kirchenzentern von Europa nicht nachstand.

Im ehemaligen Haus des Kapitels ist heute das Lebenswerk von Miklós Borsos zu finden. Hinter der klassizisierenden Fassade des ehemaligen alten Priesterseminares existiert ein Kirchenkunst - Museum. Die Schloss - Bastei wurde aufgefüllt, hier ist heute der Garten der Bischofsburg zu finden; von den Mauern öffnetsich eine schöne Aussicht auf die Mündung der Raab und der Mosoner Donau.

Östlich vom Kapitelberg ( Dunakapu Platz, Gutenberg -Platz ) und südlich von ihm ( Bécsi kapu Platz ) werden die abfälligen Gässchentrichterartig zu Plätzen. Darüber hinaus kann der Kapitelberg nur über steile, winkeligen Steigendurchgänge erreicht werden. Der Schlossgrund - die ehemalige mittelalterliche Stadt - umrandet L - förmig die innere Burg. Die Linie der Basteien der Renaissancezeit maerkt heute nur noch der Orthistoriker mit geübten Augen: meistens deuten die winzigsten dicht verbauten Gässchen - so im Norden die Bástya Gasse, im Süden die Kasernen Gasse ( heute Schweidel- Gasse ) - die Linien führung der Burgmauern an. Die übertriebenen Abreissungen der letzten Zeit hatten vielleicht lediglich einen einzigen Vorteil: ein Teil der Neuwelt- Bastei wurde aus der Erde freigelegt. Die Mauern der Donau - Bastei fand man im Laufe der Hochwasserschutzarbeiten. Die Burgmauern werden in Gyõr - wo es nur geht - restauriert: in ihren schönen, gewölbten Räumen, Kasematten werden die verzierten Quadersteine der schönen Häuser des ehemaligen Arrabona aufbewahrt, an anderen existieren Gaststätten.

Der einzige grosse Platz der regelmässigen Innenstadt mit Netzstruktur ist der beinahe quadratische Marktplatz ( einst Hauptplatz, heute Széchenyi - Platz ). Laut alter Darstellungen standen am Ende des Mittelalters die höchsten Häuser der Innenstadt hier; die meisten von ihnen hatten Giebelmauern, mit auf den Platz vertikalem Dach. Den ehemaligen Markt umrahmen heute Häuser von verschiedenstem Alter und Stil. Einzelne Details des Eisenklotzhauses ( Nr. 4 ) zeigen Details der Spätrenaissance. Das zweistöckige Ordenhaus der Jesuiten ( heute Benediktiner ) wurde im einfachen Stil des Frühbarocks gebaut; darin stammen die reichen Stuchke der ehemaligen Apotheke der Jesuiten aus der Barockzeit. Hervorragende Bauwerke des reifen Barocks sind die St.- Ignaz- Kirche und das Abthaus ( Nr. 5, heute Museum ). Das zweistöckige Haus Nr 3 wurde um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in klassizistischem- frühhistorisierendem Stil gebaut. Das nördliche Eckhaus der Kazinczy- Gasse ( Nr.10 ) folgt dem Stil der strengen Neorenaissance, und die ehemalige Redoute ( heute Kulturhaus ) trägt in der heutigen Form die Merkmale der archaisierenden - historisierenden Architektur der 1950er Jahre.

Von der südöstlichen Ecke des Széchenyi - Platzes geht die regelmässige, gerade Liszt- Ferenc- Gasse - einst Komitatshaus Gasse - aus. Die Gasse wird von barocken, klassizisierenden und sezessionistischen Gebäuden begränzt; die Gebäude verschiedener Stilrichtungen stellen eine harmonische einheitliche Platzmauer dar. Die Liszt- Ferenc- Gasse geht nach Westen in die Kazinczy- Gasse über; letztere wird durch die gebogene Seitenfassade der Karmeliten- Kirche abgeschlossen. Es lohnt sich aber nicht nur die Gassen entlangzugehen; schön und gepflegt sind auch die Blockinneren und ihre Durchgänge. Besonders ergreifend ist der Arkadenhof des ehemaligen Zichy- Palastes. Im Gebäude selbst wurden mehrere hundert Quadratmeter Fresken aus dem 18. -19. Jahrhundert entdeckt; heute existieren hier Trauungssäle. Das nördliche Analogstück der Kazinczy- Gasse und Liszt- Ferenc- Gasse sind die König Gasse und die Rákóczi - Gasse. Zu den bedeutendsten Gebäuden der ersteren gehören das spätbarocke sog. Napoleon - Haus ( Nr. 4 ) und der dreieckförmige Block des ehemaligen Esterhazy- Palastes ( Nr.17 ). Eine Sehenswürdigkeit der Rákóczi - Gasse ist das aus dem Mittelalter stammende Ungarische Hospital ( Magyar Ispita ); das Haus verfügt auch über zwei, aneinander anschlissende Höfe mit Loggien. Ihre schattigehelle Innenarchitektur erinnert an die Stimmung der italienischen Paläste. Noch weiter nördlich von der Rákóczi - Gasse verläuft die Nonnen Gasse mit dem Haus der Kapitel - Musiker ( Nr. 5 ) sowie der barocken Kirche und dem Kloster der Ursulinen. Der Széchenyi - Platz wird in nord-südlicher Richtung durch die ehemalige Untere Donau- Gasse ( Czuczor- Gergely- Gasse ) und die Teleki - Gasse - früher Mittel Gasse - in die Mitte genommen.

Die durch rechteckige Gassen begrenzten, regelmässigen Blöcke werden an den meisten Stellen durch gebrochene, unregelmässige Gässchen und Durchgänge durchgeschnitten. Solche sind der Sarló Durchgang, Szabadsajtó Gasse, Gyógyszertár Gasse oder eben die sich zu einem Platz ausbreitende Nefelejcs Gasse, die nach Osten vom aus der ehemaligen Kirche und dem Ordenhaus der Franziskaner umgebauten Komitatshaus abgeschlossen wird. Auf das Gebiet der ehemaligen Innenstadt fällt auch der Dunakapu Platz. Dieser entstand aber lediglich im Laufe der unüberlegten Abreissungen der 1930er Jahre.

Die Regelmässigkeit der Gyõrer Gassen wird durch die charakteristischen Eckbalkons gebrochen: solche werden seit der Spätrenaissance bis heute mit Vorliebe gebaut. Unter ihnen findet man eine Etage umfassende, niedrige, gedrungene, mit zylindrischem Grundriss ( Liszt- Ferenc- Gasse 20. ) oder eben eckige ( Bécsi kapu Platz 12., Altabak- Haus ). Der Bogenförmige Eckbalkon des Hauses Széchenyi - Platz 4. ( Eisenklotz - Haus ) ist zweistöckig, und wird von einem zeigelbedeckten Turm gekrönt. Auch die innere Ausgestaltung des geschlossenen Balkons des Hauses Nr. 20. ( heute Handelskammer) ist sehenswert: das innere Bild kann jeden davon überzeugen, dass der Eckbalkon nicht nur das Stadtbild zu bereichern hatte, sondern eine behagliche Ecke auch des Enterieurs der reichen bürgerlichen Wohnungen darstellte.

Die südlichen Blöcke der Innenstadt wurden ab 19. Jahrhunderts verbaut. Wie schwungvoll die Entwicklung dieser Gebiete war, zeigt, dass ein Grossteil der Häuser in den vergangenen anderthalb -zwei Jahrhunderten auch mehrmals umgebaut wurde. Die einfacheren, einstöckigen, frühen historisierenden Häuser der Baross- Strasse wurden an den meisten Stellen durch höhere, großstädtische Häuseraufgelöst ( Baross- Stasse 21. ) Die Gebäude sind bereits im Stil des späten Historismus gebaut, mit kräftigen, senkrechten Betonungen, reicher Architektur. An die Strassenecken wurden Kuppeln, Türme gebaut; die sich immer weiter wiederholenden Kuppeln und Türme veranschaulichten die Tiefe und unendliche Reicheit des Stadtbildes. Von all dieser Pracht hat der Verbau des neuen Rathauses und seiner Umgebung ( 1890-1905) das meiste bewahrt. Das Ensemble mit seinen einheitlichen Gebäuden, die Dächer mit ihren Kuppelverzierungen, die ineinandergreifenden Plätze erwecken den Eindruck eines einzigen, mächtigen Werkes der Baukunst- Landschaftbaukunst. Paralell zur Architektur des Späthistorismus wurde in Gyõr auch im Stil der Sezession gebaut, in der Innenstadt blieben aber aus dieser Zeit kaum Denkmäler. Es lohnt sich, in der Aradi - Vértanúk- Strasse das Haus 19. aufzusuchen , dessen schönes Stiegenhaus, Pflanzenranker-gemustertes, Ungeheuer darstellendes Geländer, bogenförmige-gerade Fenster und Türen eine besondere Stimmung ausstrahlen. Von den schönen sezessionistischen Palästen der Szent- István- Strasse steht nur noch das berühmte Hilbert- Haus ( Szent - István - Strasse 39. ); die " Tulpen Schule " empfängt den besucher im Tor von Révfalu ( Rónay - Jácint- Gasse 4. ).

Schreiber: Dr. Gábor Winkler