Im Laufe der Jahrhunderte hat sich die Ansicht der Stadt am meisten geändert. Der Wanderer des Altertums und des Mittelalters hat die Stadt über sumpfige, nasse Wiesen und Felder erreicht. Wenn er vom Süden gekommen ist, wurde er Jahrhunderte hindurch vom Bild der Meierhöfe, Schoberhöfe empfangen, mit kleinen Bauernhäusern, Wirtschaftsgebäuden. Gleichzeitig mit dem Bau der Basteien wurde das Weissenburger Tor errichtet; davor zog sich ein breiter Burggraben hin, so war das Stadtbild auch aus dieser Richtung um einen breiten Wasserspiegel bereichert. Über das Weissenburger Tor wurde 1792 ein riesiger Feuerturm gebaut, der 1894 unüberlegt abgerissen wurde. Unmittelbar an den Burgmauern standen kleine Häuser, die Gebäude der Kanoniere. Wie man sich dem Zentrum der Stadt näherte, wurden die Häuser immer höher. Das attraktive Gesamtbild haben die barocken Kuppeln der Kirchentürme gekrönt. Der einstige schöne Anblick ist heute nur noch von wenigen Stellen aus zu geniessen.
Inzwischen hat sich die Grenze der Stadt weiter nach aussen verzogen. Heute empfängt den von Süden Kommenden eine Reihe von Einfamilienhäusern und Hochhäusern. In der Dichte der Betonstadt zeigen zwei moderne Kirchen, der eckige Turmkörper der St.- Imre-Kirche (1943, Nádor Körmendy) und der gebogene Turm der Heiliggeistkirche (1988, Péter Ráskai) Richtung. Weiter, in den Spalten zwischen den Hochhäusern scheinen die Kirchtürme der Innenstadt, und die zackige Silhouette des neuen Rathauses auf. An der Stelle der ehemaligen Meierhöfe entstand eine vornehme Gartenstadt (Nádorváros) und von der Eisenbahnbrücke aus kann man sich am gepflegten Park der Bisingerpromenade ergötzen.
Von Westen sind die Strassen einst dem Fluss der Raab folgend verlaufen; im 18. Jahnhundert wurden sie marktfleckenartig ausgebaut: die Alte Gasse (heute Kossuth Lajos utca), später paralell dazu die Rác Gasse (heute Bálint Mihály utca), wo die vor den Türken fliehenden Griechen angesiedelt wurden; diese bauten nacheinander vertikal zur Strasse ihre verzierten Häuser mit Giebelmauern und Arkaden. Östlich von Újváros (Neustadt) fand der Wanderer einst lose verbaute "Gärten" vor, riesige Meierhofgebäude, wo die Vieh- und Schweinehändler ein Zuhause fanden. Die Umgeburg der Alten Gasse ist seit Ende des 18. Jahrehunderts durch mehrere Kirchen lebhafter: die römisch-katolische Kirche wurde 1836-38, die alte Kirche der Lutheraner 1783-85 gebaut; die neologe Synagoge entstand 1868 und die Kirche der Reformierten 1905. Die doppelte Brücke der Alten Gasse führte über die Radó-Insel zum Wiener Tor. Das Tor hat man abgerissen, aber das Gesamtbild der Innenstadt mit der Burgmauer und dem Kirchen- und Klosterkomplex der Karmeliten hat sich bis heute zum Glück nicht geändert.
Zum Erreichen der Stadt von Westen wird von den Autoreisenden heute bereits meistens die neue internationale Fernverkehrsstrasse benützt; die Züge treffen parallel zur Strasse ein. Unvergesslich schön ist der Anblick der Stadt auch aus dieser Richtung: über dem Damm des Bogens der Raab gucken die Häuser mit Giebelmauern der Neustadt hervor, im Osten die riesige Kuppel des neologen israelischen Gebetshauses und weiter entfernt die reiche Silhouette der historischen Innenstadt. Die neue Stasse führt übereine Brücke und über einen riesigen Knotenpunkt. Das Bild wird vom Turm des Rathauses abgeschlossen. Der Verkehr auf der in die Neustadt führenden Petõfi-Brücke hat sich seit der Übergabe der neuen Brücke etwas gelegt obwohl das Bild von hier- das Gebäudekomplex der Karmeliten- auch heute einen prächtigen Anblick bietet.
Der von Norden und Nordosten Ankommende wurde früher von den engen Gassen und kleinen Häusern von Sziget ( Insel ) und Révfalu empfangen. In letzter Zeit haben sich auch diese Stadtteile deutlich verändert. Die dorfartigen Gassen wurden umgestaltet, neben den ebenerdigen Häusern sind aus Betonblöcken bestehende Wohnviertel aus der Erde gewachsen. Heute macht vor allem die kräftige, bewegte Masse der Széchenyi István Hochschule auf sich aufmerksam: besonders am Abend ist das Bild großstadtartig, als der Besucher von den beleuchteten Glaswand der malerisch angeordneten Gebäude empfangen wird. Die alte Holzbrücke vor dem in die Innenstadt führenden Donau-Tor wurde schon um die Jahrhunderte durch eine moderne Stahlbrücke mit Bögen und Gittern ersetzt. Die Brücke passierend wird der Besucher heute vom bewegten Bild des Marktes empfangen, dahinter die Innenstadt mit ihren Dächern, Schornsteinen, Kirchtürmen.
Der Verkehr der Révfaluer Brücke hat ebenfalls stark abgenommen, als die neue riesige, die Stadt mit dem Grenzübergang bei Vámosszabadi verbindende Brücke für den Strassenverkehr errichtet wurde. Aber auch derjenige Reisende kommt auf seine Rechnung, der über diese neue Brücke in die Stadt kommt. Von oben bietet sich ein besonders schönes Bild an. Das rechte Ufer der Mosoner Donau wird in unseren Tagen mit Gesellschaftshäusern wechselhaften Formates verbaut. Auf der anderen seite des Flusses wird das Bild der Innenstadt von der markanten, grossen Masse des Getreidespeichers umrahmt. Ein ähnliches Bild empfängt derjenigen, der von Osten, mit dem Schiff ankommt. Die Strasse führt dann über den Dächern der Innenstadt in südöstlicher Richtung, zwischen der Ungarischen Waggon- und Maschinenfabrik, dem Rangierbahnhof, den Textilfabriken und der Kunstlederfabrik Graboplast, über die Eisenbahnlinie Budapest-Wien, in Richtung Székesfehérvár ( Stuhlweissenburg ).
Der von Osten Kommende hat früher die Innenstadt sich durch die engen Strassen von Gyárváros ( Fabrikviertel ) schlängend, zwischen dem ehemaligen Gaswerk und der heute noch arbeitenden Spirituosenfabrik, bei dem alten Friedhof erreicht. In der letzten Zeit wurde dann zur Entlastung von Gyárváros eine neue, moderne Transitstrecke Ost errichtet. Nach Überqueren des Industrie-Kanals ( Iparcsatorna ) wird der Reisende zunächst vom weiten Bild riesiger Fabrikanlagen, dann der Kiskuter Sporthalle und dse Fussballstadions empfangen. Bevor die Strasse über die brücke dem Rangierbahnhof führt, scheinen auf der linken Seite die um die Jahrhundertwende gebauten, gleichförmigen, sezessionistischen Arbeiterhäuser von Gyárváros auf. Die freistehenden, malerischen Gebäude sind heute von den üppigen Pflanzen bereits stark verdeckt. Auf der anderen Seite der Eisenbahnbrücke wird der Besucher an der Stelle des alten Friedhofes von einem an die besten Beispiele der frühen architektonischen Bewegungen erinnernden, netten Wohnviertel empfangen; auf der Gegenseite, zwischen der Strasse und der Eisenbahnlinie machen Blockhäuser mit Balkonen und Steinsäulen, die archaisierenden Denkmälerder Architektur der 1950er Jahre auf sich aufmerksam.
Von Südost ist die Innenstadt auf der Fehérvári út ( Weissenburger Strasse ) zu erreichen. Die Strasse führt auf der nordöstlichen Seite von " Szabadi " ( Szabadhegy ), dem alten Dorf mit einer Strasse. Heute wird die Ansicht vielmehr von den Fabriken und Kraftfahrzeugdepos beherrscht; diese werden vom Bild der riesigen Betonhäuser des Ady-Endre-Wohnviertels aufgelöst. Ein ähnliches Bild empfängtauch denjenigen, der mit der Bahn von Osten-Südosten ankommt. Nach den Rangierbahnhöfen und Fabrikanlagen bedeutet eine echte Überraschung, wenn man aus dem Bahnhofgebäude auf den Szabadság tér tritt: von hier aus sind es nur weinge hundert Schritte, bis das Ziel der meisten Besucher von Gyõr, das bunte Treiben der Innenstadt erreicht ist.
Schreiber: Dr. Gábor Winkler